Zer­störer Lütjens

Eineinhalb Jahre als Unteroffizier

1. Quartal 1990 · Desex 1/90 & Cold Winter

Die "schöne Zeit" an der MUS war zu Ende und somit auch das unbeschwerte Mannschaftdienstgraddasein. Ich sollte das Marineleben mal von einer anderen Seite kennen lernen. Mein neues Schiff war die Lydia, wie der Zerstörer "Lütjens" liebevoll genannt wurde. Unter "Rommel"-Fahrern war sie auch als die rote Lydia verschrien, was soviel bedeutete, dass es auf ihr sehr streng zuging. Auf der "Lütjens" hieß es dann wieder, dass die "Mölders" ein roter Dampfer sei. Ob die "Rommel" dann auf der "Mölders" verschrien war, kann ich nicht sagen, da ich auf der 186 nie gefahren bin.

War mein Einstig auf der "Rommel" relativ leicht, so hatte ich auf der "Lütjens" einen schwereren Start. Dies lag vielleicht daran, dass ich als junger Maat mir in der Bordgemeinschaft erst einmal meinen Rang erarbeiten musste. So waren die altgefahrenen E-Mixer Obermaaten anfänglich nicht gerade freundlich, und ich sollte alles machen, wozu die keine Lust hatten - und das war nicht gerade wenig. Vielleicht hätte ich dies lieber einfach machen sollen, anstatt gelegentlich dagegen anzugehen. Dass man als Neuer an Bord auch anders empfangen werden kann, sollte ich später noch kennen lernen. Nichts desto trotz hab ich mir gesagt Augen zu und durch, irgendwann hat auch dies ein Ende, spätestens, wenn deren absehbare Dienstzeit endete.

Bild 4 von 50Meine erste Fahrt auf der "Lütjens" führte mich ins Mittelmeer. Wir fuhren im Verband von fünf Schiffen.

Der erste Hafen war Almería, was zugleich dort auch der erste deutsche Flottenbesuch nach Kriegsende war. Almería ist durch die Alcazaba, eine maurische Festung aus dem 10. Jahrhundert, bekannt. Beeindruckt und zugleich verwundert hatte mich, dass Wohlstand und Slums so dicht beieinander waren.

Auf dieser Seefahrt genoss ich für mich allein die Sonnenuntergänge und zog mich gern zurück, sofern man dies überhaupt auf einem Schiff kann. Ich war noch zu unerfahren, als dass ich wusste, wie ich mit der neuen Situation umgehen konnte und verstand nicht, warum die meisten meiner E-Mixer Obermaate mir Abneigung entgegenbrachten. Zum Glück gab es jedoch auch andere Abschnitte, so dass meine ersten Freunde an Bord nicht unbedingt E-Mixer waren.

Natürlich gab es auch wieder diverse Übungen und bei einer dieser, einer Gefechtsübung, passierte es. Ich hatte gerade Freiwache und war auf meinem Bock knacken, als "Zur Übung..." ausgerufen wurde. Für mich hieß es jetzt, so schnell wie möglich aus dem Bock, in die Klamotten, am UUD vorbei, durch das AUD, Niedergang rauf, durch den vorderen Mittelgang und den nächsten Niedergang wieder runter in den Turbinenraum I, in welchem auch das E-Werk I war, meiner Gefechtsstation.
Nur so problemlos klappte es diesmal nicht. Mein Bock im VUD, in welchem auf der "Lütjens" die E-Mixer Unteroffiziere untergebracht waren, war der Oberste, wie eigentlich bei jedem meiner Bordkommandos. Ich sprang schwungvoll aus meinem Bock, jedoch auf die Befestigungsschraube der Fundament­verankerung des gegenüberliegenden Blocks von ebenfalls drei übereinander liegenden Böcken. Trotzdem zog ich mich schnell an, bekam aber meinen Kampfstiefel nicht mehr an, da mein rechter Fuß in dieser sehr kurzen Zeit angeschwollen war. Also nur in einen Kampfstiefel und ab ins E-Werk I. Dort merkte ich dann auch erst, dass der Fuß schmerzte, so dass für unseren Bordarzt aus der Übung ein Ernstfall wurde. Gut ausgerüstet wie der Sanbereich war, wurde der Fuß geröntgt und festgestellt, dass ich einen großen Bluterguss hatte, welcher die kommenden Tage mittels Salben behandelt wurde. Fortan durfte ich für ein paar Tage nur die Halbschuhe tragen, bis die Schwellung nachließ.

Bild 20 von 50Der letzte Hafen für diese Fahrt war Brest in Frankreich. Ich erkundete diese Marine-Traditions­stadt mit meinen neuen Freunden aus den anderen Abschnitten.
Was ich auch schon von meinen Fahrten mit der "Rommel" kannte, war das Problem als Marine-Soldat in eine Kneipe zu kommen, wenn zuvor die Kameraden der US-Navy da werden. Es musste mal wieder hoch hergegangen sein, jedenfalls waren sehr viele MPs unterwegs und beim Stützpunkt wurden die US-Navy-Soldaten durchsucht.
Brest hat einen sehr großen Marine­stützpunkt, in welchem es mal wieder verboten war, zu fotografieren und in welchem neben den Deutschen zu diesem Zeitpunkt auch die US-Navy zu Besuch war.

Manöver "Cold Winter"

Nachdem meine erste Seefahrt auf der "Lütjens" zu den schlimmsten meiner Marinelaufbahn zählte, ging es mit der zweiten Fahrt bergauf.

Eine neue Seefahrt stand an, und sie sollte uns in den Norden führen. Auch war von der Überquerung des Polarkreises die Rede, so dass ich vor Fahrtbeginn wohlweislich meine Urkunde, die ich beim Überqueren mit der "Rommel" erhalten hatte, mit an Bord nahm. Unser erster Hafen war Kristiansund, einem malerischen kleinen verschneiten Städtchen.

Es braute sich etwas zusammen, wir kamen dem Polarkreis immer näher, und Neptuns Zorn eilte ihm voraus. Es herrschte auf einmal eine rege Betriebsamkeit an Bord, jeder der bereits getauft war sollte dies mit seiner Urkunde beweisen und war damit außer Gefahr. Das nicht getaufte Pack verbündete sich und wollte Neptun trotzen. Auch stellte sich heraus, dass die altgefahrenen Obermaate wohl doch noch nicht überall waren, jedenfalls war ich so ziemlich der Einzige aus dem E-Abschnitt, der eine entsprechende Urkunde vorweisen konnte.

Bild 31 von 50Dann war es soweit und Neptun mit seiner Braut Thetis samt ihrem Gefolge enterten unser stolzes Schiff. Sah es anfänglich noch sehr friedlich aus, hatte Neptun doch sogar kleine Leckereien für das ungetaufte Pack mit­gebracht, war ich froh, dass ich bereits getauft war, als Neptun dann doch noch der große Zorn überkam.

Was ich allerdings bis heute nicht verstanden habe, war die Ähnlichkeit von Thetis mit unserem EM, hatte er doch nie etwas von einer Zwillingsschwester erzählt. War diese vielleicht erbost darüber, dass ihr Bruder einen so schönen Beruf bei der Marine hatte, sie als Frau jedoch zum damaligen Zeitpunkt nicht zur Marine konnte? Hat sie sich vielleicht deshalb mit dem Herr der Meere Neptun verbündet?

Die eigentlich lecker aussehenden Pralinen sollte angeblich die Lieblingsspeise von Thetis sein, nur trafen diese wohl nicht den Geschmack eines Mitteleuropäers. Auch mir waren bis dato Knoblauchzehen mit Schokolade überzogen fremd. Und dass man nach der übel riechenden Algensuppe auch noch die Flosse von Thetis küssen müsste, erstaunte mich noch mehr. Aber wie heißt es im Volksmund so schön - "andere Länder, andere Sitten". Vielleicht war dies ja so üblich am Hofstaat von Neptun und wurde dort als Ehre angesehen. Ich jedoch war froh, dass Neptun uns damals auf der "Rommel" nicht so hart ran genommen hatte. Und das sollte auch noch nicht das Ende gewesen sein. Den geneigten Leser mit einem etwas schwachen Magen möchte ich bei den Bildern vorwarnen.

Bild 39 von 50Neptun kannte kein Erbarmen und unterzog besonders harte Fälle einer Spezialbehandlung. Was allerdings die grünen Haare des STO hiermit zu tun hatten, ist mir verschlossen geblieben. So wollte einen Tag zuvor der STO mit etwas grünlichen Haaren wutentbrannt wissen, wer ihm in den Duschkopf seiner Dusche Signalpulver aus den Schwimmwesten getan hatte.

Nachdem Neptun unsere "Lütjens" vom ungetauften Pack gesäubert hatte, hieß es erst einmal Reinschiff. Allerdings lag der Geruch der Köstlichkeiten auch einen Tag nach dem Ereignis noch in der Luft.

Die "Lütjens" nahm nun Kurs Tromsõ, unserem letzten Auslandshafenaufenthalt.

Unsere Rückreise nach Kiel war un­spektakulär, mit nur sehr wenigen Übungen. Auch gab es kein großes Empfangskomitee, dafür bescherte uns das Wetter jedoch einen sehr schönen Sonnenaufgang.

Es war die Zeit, in welcher der EM beschloss, die Ausbildung im E-Abschnitt umzukrempeln. Fortan mussten alle E-Mixer ihren Abschnitt wie aus dem ff beherrschen. Die Unteroffiziere mussten Themen ausarbeiten und nach Abnahme durch den EM den Gasten vermitteln. Da mir das Ausbilden, wie auf der MUS bereits festgestellt, lag und ich als "alter" DDG-Fahrer auch entsprechende Erfahrungen hatte, wurde mir im kommenden Quartal die "allgemeine" Ausbildung der Gasten übertragen - dazu jedoch später mehr.

-> Weiter mit dem 2. Quartal 1990