Zer­störer Lütjens

Eineinhalb Jahre als Unteroffizier

2. Quartal 1991 · AAG 110/91

Endlich wieder eine Seefahrt, eine AAG, welche jedoch wesentlich durch die Ereignisse am Golf beeinflusst wurde. Vorher jedoch, am 1. April bekam ich meinen letzten Dienstgrad. Nach nur 15 Monaten als Maat wurde ich zum Obermaat befördert. Mehr war für mich bei einer Verpflichtung auf vier Jahre nicht drin.

Die nächste große Seefahrt stand an und sollte gleichzeitig meine letzte mit meiner "Lütjens" werden. Dies war mir zu dem damaligem Zeitpunk allerdings noch nicht bewusst. Neben den obligatorischen Manöver und Übungen standen auch eine Reihe interessanter Häfen auf dem Plan.

Bild 6 von 63Am 15. April starteten wir und der Versorger "Spessart" aus Kiel. Mit der "Lütjens" sind wir den Seeweg übers Skagerrak gefahren, währen die "Spessart" über den Nord-Ostsee-Kanal nach Wilhelmshaven kam. Dort haben wir einen Tag später den Zerstörer "Bayern" und die beiden Nato-Garagen "Karlsruhe" und "Bremen" im Verband aufgenommen. Der erste Hafenaufenthalt war nach ein paar Manövern schnell erreicht und der Verband hat sich auf drei Orte in Norwegen aufgeteilt. So waren einige Schiffe in Trondheim oder Kristiansund, währen ich mit der "Lütjens" in Ålesund war. Der Weg dort hin führt durch wunderschöne Fjorde, Berg- und Inselketten. Der Aufenthalt war gewohnt kurz, so dass uns die nächsten Manöver und Übungen schnell zum Hafen Nummer zwei brachten. Glasgow in Schottland erwartete uns. Gegenüber unserem ersten Traumhaften war es dort ehr trist, so dass wir froh waren als es wieder weiter ging.

Bild 10 von 63Bei einem der folgenden Manöver habe ich meine Changse ergriffen und mich zum Crosspol gemeldet. Ich fragte erst den EM, welcher mir den Ausflug nicht erlaubte. Aber wie haben wir es früher als Kinder gemacht, genau wir haben Mama und Papa gegeneinander ausgespielt. So bin ich also zum EO gegangen und habe diesen gefragt, ohne zu erwähnen, dass der EM bereits nein gesagt hatte. Der EO hatte nichts dagegen und meldete mich an. Jetzt hieß es schnell sein, bevor der EM noch etwas mitbekommt. Aber was ist eigentlich Crosspol? Nun das ist schnell erklärt, unter Crosspol verstehen wir den Austausch von Besatzungs­mitgliedern zwischen den Schiffen. Es werden aber nur ein paar Soldaten ausgetauscht, da die Austauschkameraden sich auf ihrem Austauschschiff nicht auskennen und dort nur begrenzt eingesetzt werden können. Ich hatte das Glück, was ich zu diesem Zeitpunk noch nicht wusste, dass ich auf die "Karlsruhe" kam. Der Austausch sollte hin per Kutter und Abends zurück via Manila highline statt finden. Als ich dann in den Kutter geklettert war, hat der EM, der meine Abwesenheit bereits bemerkt hatte, mir ermahnend "komm Du mir zurück" zugerufen. Aber was konnte so schlimm sein, dass ich diesen Tripp nicht wagen sollte.Bild 11 von 63Auf der Fregatte angekommen wurde mir ein Pate (Mt Jonas) zur Seite gestellt, der mir das Schiff von Y-Tours zeigen sollte. Eine ganz andere Welt, als ich diese vom meinen Zerstörern kannte, erschloss sich mir. Die riesigen Decks unseres Zerstörers gab es dort nicht. Die Unterkünfte hießen Kammern und waren mit wenig Soldaten belegt. Ein Luxus, der auch mir noch zu Teil werden sollte. Da es immer anders kommt als man denkt, gab es für die Crosspoler eine Planänderung. Die Fregatte hatte während unserer Anwesenheit ein Problem mit einer der zwei Welle bekommen. Schnell war klar, dass das Schiff mit dem Wellenlagerschaden nicht mehr richtig manövrierfähig ist und so beschloss die Führung direkt nach Brest, Frankreich zu fahren. Darauf waren wir Crosspoler nicht vorbereitet, hatten wir doch nichts mit ausser dem was wir am Leib hatten, da wir ja eigentlich am Abend hätten zurück auf unserem Schiff sein sollen. Bei der Marine wird Kameradschaft groß­geschrieben und so hat sich schnell jemand gefunden, der mir das nötigste an Klamotten ausgeliehen hatte. Auch war ein Bock auf einer 6 Mann Kammer frei, so dass für alles gesorgt war. Ich war so eine ganze Woche auf der "Karlsruhe". Auf See habe ich den Telefondienst, einen Dienst den es eigentlich nicht gab, der Unteroffiziers-Messe übernommen, war dieser Job doch nahe des Zapfhahns. In Brest bekam ich dann auch noch zivile Klamotten geliehen, so das ich mit den Nato-Garagen-Fahrern Brest unsicher machen konnte. Von Brest wurden wir Crosspoler dann per Bus nach Bordeaux, Frankreich gefahren, nachdem der Verband dort eingelaufen war. Mein EM erwartete mich schon, erzählte was von "schön Aufpassen" mit einem schmunzeln im Gesicht. Die "Karlsruhe" lief kurz darauf auch in Bordeaux ein, so dass der Verband wieder vollzählig war.

Bild 25 von 63Der EM plante einen E-Mixer-Abend (Rotwein mit Käse) auf dem FK-Deck und fragte "seine Jungs" ob wir diesen in Uniform oder Zivil begehen wollten. Die Mehrheit war eigentlich für Zivil, der EM entschied Uniform. Dies und dass ich nicht wirklich ein Weintrinker war, ließ mich nach kurzer Zeit Abschied vom E-Mixer-Abend nehmen. Ich wollte etwas angesäuselt noch einen Landgang unternehmen. Dazu musste ich aber über die "Bremen" mit welcher wir im Verbund lagen - die "Lütjens" auf der Seeseite. Genau in dem Moment wo ich die "Bremen" passieren wollte, lief der STO der "Karlsruhe", der zu Besuch auf der "Bremen" war, mir über den Weg. Er kannte mich bereits noch als Crosspoler, welcher dem flüssigem Brot nicht abgeneigt war und meinte mein Allgemeinzustand sei nicht mehr Landgang tauglich und sorgte dafür, dass ich die "Bremen" nicht passieren durfte. Enttäuscht hab ich mich wieder zu meine E-Mixer gesellt und bin am nächsten Morgen mit dickem Schädel und diversen blauen Flecken auf meinem Bock aufgewacht. Was in der Zwischenzeit passiert ist überlasse ich dem Kopfkino des Lesers.

Nach dem tollen Hafenaufenthalt in Bordeaux ging es wieder raus auf See Richtung Málaga, Spanien. Selbst­verständlich nicht ohne die Mannschaft weiter zu trimmen und erlerntes zu verfestigen.

Bild 33 von 63Irgendwann zu dieser Zeit habe ich beschlossen die "Lütjens" zu verlassen, da nach dieser Seefahrt eine Werftliegezeit anstand. Begünstigt wurde mein Vorhaben dadurch dass die Marine Freiwillige suchte, die in den Persischen Golf zum Mienenräumen wollten. Also habe ich ein entsprechendes Gesuch geschrieben und in der Wachmeisterei abgegeben. Damals kannte ich mich mit den Vorschriften gut aus und wusste, dass ich innerhalb einer bestimmten Frist eine Antwort bzw. Empfangsbestätigung erhalten musste. Die Frist war verstrichen und die Wachtmeisterei konnte keine Angaben zu meinem Gesuch machen. So habe ich beschlossen eine Beschwerde gegen den Wachmeister zu schreiben. Jetzt kam die Sache richtig ins rollen. Der EM sprach mich an, ich könne doch nicht gegen den Wachmeister eine Beschwerde schreiben. Er wolle mich nicht verlieren, bräuchte mich in der Werft. Ich erwiderte, dass ich zur Marine gegangen bin um zur See zu fahren und nicht um auf der Werft die Zeit totzuschlagen. Einen weiteren Versuch hat der EM nicht unternommen. Der STO meinte jedoch noch einmal nachhaken zu müssen und sprach mich zur Mittagszeit in der Cafeteria an. Etwas aufgebracht, dass ich eine Beschwerde schreibe, fragte er "ob ich glaubte der einzige OMt Lange an Bord zu sein". Diese etwas unglücklich formulierte Frage konnte ich mit gutem Gewissen nüchternen mit JA beantworten, womit ich ein Gelächter in der Cafeteria auslöste und der STO abzog. Dann dauerte es auch nicht mehr lange und ich bekam die Bestätigung, dass mein Gesuch genehmigt wurde, ich zum nächsten Quartal ins Minensuchgeschwader wechselte. Selbstverständlich habe ich umgehend meine Beschwerde zurück gezogen. Wie gesagt diese Angelegenheit hat sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, ich habe diese zum besseren Verständnis an dieser Stelle zusammen gefasst niedergeschrieben.

Bild 40 von 63Mit den gleichen Kameraden aus dem VUD, mit welchen ich bereits Bordeaux unsicher gemacht hatte, verbrachte ich auch meine Freizeit in Málaga, Spanien. Nur leider verging die Zeit wieder einmal viel zu schnell und der Verband setzte sich wieder in Bewegung. Den folgenden Hafen habe ich damals bereits das dritte Mal während meiner Marinezeit angelaufen - ein viertes Mal sollte später auch noch folgen. Die Rede ist von Gran Canaria, Spanien - die Urlaubsinsel, welche es mir später im zivilen Leben angetan hatte.

Bild 63 von 63Der vorletzte Hafen war Ponta Delgada, Portugal - der Ort den wir aus den Wettervorhersagen der Azoren kennen. Es war jedoch ein sehr kurzer Halt und wir nahmen fahrt zu unserem letzten Hafen auf. Einem Hafen den ich auch nicht das erste Mal angelaufen habe. Allerdings sollte Lissabon, Portugal uns diesmal ein kleines Andenken mit nach Hause bringen lassen. Die Tage zuvor roch es schon sehr streng aus der vorderen Kühllast, was wir mehrfach dem Provi gemeldet hatten. Letztendlich gab es zum Ende unserer Fahrt eine Salmonellen­vergiftung, welche auf das Grillen an Oberdeck in Lissabon zurückzuführen war. Dies führte dazu, dass wir zum obligatorischen Anker-Abend vor Strand mehrere Ausfälle hatte. Es wurde sogar in Erwägung gezogen das Schiff unter Quarantäne zu stellen und das Einlaufen in Kiel platzen zu lassen. Glücklicherweise konnten wir dann aber doch planmäßig in unserem Heimathafen einlaufen. Meine letzte Fahrt mit der "Lütjens" hatte so vorerst doch noch ein gutes Ende genommen.

Mit der alten Dame habe ich viel kennen gelernt, auch über mich selbst. Danke für die tollen Erfahrungen welche ich eineinhalb Jahre mit der "Lütjens" sammeln durfte. Für mich hieß es nun abermals Abschied nehmen, um wirklich etwas ganz Neues zu erleben.

-> Weiter mit dem 3. Quartal 1991